Samstag, 13. Juni 2020

Die böse SoKo II - Teil 2

Verdächtige mit Alibis und keine Beweise. Noch Ende Januar teilte die Polizei mit, dass gegen Ulvi K., dessen Name seit Winter in den Medien auftauchte, keine Beweise vorlagen und somit die Unschuldsvermutung gelte. Es liefen noch Ermittlungsverfahren gegen ihn und auch gegen Manuel S.
Aber wo weitermachen?

"Für den 7. Mai hat der 24-Jährige ein lückenloses Alibi."
Soko-Sprecher Dieter Czerner,
Frankenpost, 04. Mai 2002

In dieser Situation wurde Herbert Manhart pensioniert, die SoKo musste neu aufgestellt werden. Das nutzte der damalige Bayerische Innenminister Dr. Günther Beckstein für einen Neustart: ab Februar 2002 arbeitete die SoKo II an dem Fall.


mdr-Beitrag "Spur der Täter"
(27.03.2019)


Dr. Beckstein sagt im Rückblick über die Einsetzung einer neuen SoKo:

"Man hat alles gemacht, was man sich nur vorstellen konnte. Wir haben alle Hinweise, nicht nur Spuren sondern alle Hinweise... man hat alle Hinweise vollständig ausermittelt, mehr konnte man nicht machen.
In dem Augenblick wo ein Fall nicht aufgeklärt wird und wie im Falle Peggy wir überhaupt nicht weitergekommen sind habe ich dann dem Landespolizeipräsidenten gesagt, also ich halte es für notwendig, dass wir hier eine andere Ermittlungsgruppe nochmal dransetzen. Das hat mit polizeiinternen Versetzungen zu tun gehabt. Das ist also professionell gemacht worden. Das Ergebnis war, dass dann eben nochmal ein neuer Chef der Ermittler dort war."



Foto: dpa

Zum Neuanfang wurde die bisherige SoKo unterstützt durch eine 7köpfige Expertengruppe. Sie waren allesamt auf Tötungsdelikte spezialisiert und unterstützten ihre Hofer Kollegen. Leiter der SoKo II war Wolfgang Geier.


Die SoKo-Mitarbeiter "sollen zusammen mit den bisherigen Soko-Leuten offene Spuren weiter verfolgen und bereits abgeschlossene Spurenkomplexe unter neuen Blickwinkeln aufarbeiten. Auch die anfangs vermeintlich heiße Spur eines roten Mercedes mit tschechischem Kennzeichen oder den Hinweis aus der Bevölkerung, eine unbekannte kräftige Frau sei am Nachmittag des 7. Mai 2001 mit einem blonden Kind an der Hand an einem Schrebergarten vorbei gekommen. Das Kind soll wie Peggy ausgesehen haben. Polizeisprecher Klaus Bernhardt: "Wir werden auch weiterhin nichts unversucht lassen, um das Schicksal von Peggy aufzuklären." " (Frankenpost, 04. März 2002)


Freitag, 12. Juni 2020

Die böse SoKo II - Teil 1

Bisher gab es im Fall Peggy 4 Sonderkommissionen. Vor allem die Soko II, während deren Bestehen es zu einer Anklage von Ulvi K. kam, wurde harsch kritisiert. Sie soll unliebsame Zeugen willkürlich aussortiert, einen wehrlosen Geistig Behinderten unter Folter zum Mordgeständnis gezwungen haben. Das alles aufgrund politischer Einflussnahme mit dem Ziel, der Bevölkerung selbst eine Lösung des Falles zu präsentieren.
Was ist dran an diesen Vorwürfen?



Herbert Manhart, Leiter SoKo I (©Frankenpost)        
Schon 2 Tage nach dem Verschwinden Peggys wurde eine 40köpfige SoKo eingerichtet. Ihr Leiter Herbert Manhart liess jeden Stein umdrehen, jeden Zeugen befragen, beschäftigte sich mit Hellsehern, Wichtigtuern, Trittbrettfahrern und tausenden Hinweisen. Das Ganze unter enormem medialen Interesse.
In diesen ganzen Informationen musste die Nadel im Heuhaufen gefunden werden, denn: einen Tatort, eine Tatwaffe, eine Leiche gab es nicht.

Als die Suchtrupps weichen ist ein Gebiet mit Radius 4km rund um Lichtenberg systematisch durchkämmt, sind nach dutzenden Hinweisen auch außerhalb gelegene Stellen durchsucht. Das Ergebnis war immer dasselbe: keine relevante Spur im Mordfall Peggy.

Das heisst nichts anderes als dass den Zeugenaussagen ein (zu) hohes Gewicht zukam. Denn Zeugenaussagen im Strafprozess sind immer unsicher, wenn sie nicht durch weitere Zeugenaussagen oder Indizien gestützt werden können.

Was hat die Soko I ermittelt?
(Wir konzentrieren uns hier auf den aktuellen Tatverdächtigen und seine gestandene Geschichte. Insgesamt wurden mehr als 100 Personen durchleuchtet)

Ulvi K.:
  • Ulvi K. gestand schon 2 Wochen nach dem Verschwinden eine versuchte Vergewaltigung an Peggy am Donnerstag zuvor
  • Peggy wurde gegen 13:15 Uhr vom Bus heraus von einer Freundin gesehen; dies ist die letzte Feststellung, die sich nahtlos in weitere Zeugenaussagen einfügte
  • es gab einige Sichtungen des Mädchens, die den ganzen Nachmittag bis nach 19:00Uhr im ganzen Stadtgebiet Lichtenbergs umfassen; diese Zeugenaussagen zeigen keine Kontinuität in der Bekleidung des Mädchens, in mitgeführten Gegenständen und nicht in sie begleitenden Personen
  • für einen Mord am 7. Mai 2001 kam Ulvi K. nicht in Frage, weil Zeugen ihm ein Alibi gaben:
    • seine Eltern sagten aus, er sei bis 13:00 Uhr mit ihnen zusammen gewesen
    • Dieter T. sagte aus, Ulvi K. sei spätestens 13:30 Uhr bei ihm zum Holzstapeln gewesen
    • nach dem Holzstapeln fuhr Ulvi K. mit seinen Eltern nach Issigau zum Kaffeetrinken
    • anschliessend nahm der damals amtierende Bürgermeister Köhler Ulvi K. mit nach Naila, wo dieser in mehreren Lokalitäten einkehrte
    • gegen 22:00 Uhr kehrte Ulvi K. auf unbekanntem Weg nach Lichtenberg zurück
  • nach einem weiteren Sexuellen Übergriff wurde Ulvi K. im September 2001 in der Forensischen Klinik in Bayreuth stationär untergebracht; dort gestand er dem Mitpatienten Peter H. sowie einem Krankenpfleger angeblich den Mord an Peggy. Die gemachten Angaben liessen sich nicht verifizieren. Aber bei dieser Gelegenheit brachte Ulvi K. seinen Kumpel Manuel S. ins Spiel
Manuel S.:
  • Während eines Vatertagsausflugs bezichtigte sich Manuel S. unter Alkoholeinfluss selbst, Peggys Leiche vergraben zu haben
  • gegen Manuel S. wird im Herbst 2001 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet
  • sein Auto und das Renovierungshaus wurden durchsucht - ohne Ergebnis
  • da der Verschwindetag gleichzeitig der Geburtstag von Manuel S. war gab es mehrere Alibizeugen
    • Manuel S. hatte nach eigenen Angaben vormittags einige Behördengänge erledigt, das konnte zum Teil bestätigt werden
    • nach Mittag sprach er am oberen Marktplatz mit einer Zeugin, weil er von ihr eine Wiese pachten wollte; während des Gespräches sah er Ulvi K. vor sich in Richtung Henri-Marteau-Platz gehen, was Ulvi K. auch bestätigte
    • Manuel S. sagte weiterhin aus, am Nachmittag des 7. Mai 2001 nur zu Fuß und nur kurz in Lichtenberg gewesen zu sein, die restliche Zeit verbrachte er im Kreise seiner Familie beim Geburtstagskaffee
    • über den Abend des 7. Mai 2001 ist der Öffentlichkeit nichts bekannt, was einem Alibi Manuel S.s entspräche
Zu diesem Ermittlungsstand kamen bis Januar 2002 noch gezielte Falschspuren hinzu (zum Beispiel eine Email aus einem türkischen Internetcafè), Sichtungen im In- und Ausland, Gelände-/Hausuntersuchungen, ein vermeintliche Leichenfund, Hinweise von Wahrsagern und Pendlern u.v.m.

"Manhart, heute 73 Jahre alt, war der erste Chefermittler in dem Fall. Elf Monate leitete er die Sonderkommission "Peggy", bis er pensioniert wurde. Losgelassen hat ihn die Geschichte nie. Er hat Aktenordner angelegt mit allem, was über das Kind erschienen ist. Manhart kennt jede dieser Spuren, die alle ins Leere führten. "Wir suchen nicht die Nadel im Heuhaufen", hat er einmal gesagt, "wir wissen noch gar nicht, wo der Heuhaufen ist." Bis Montag hatte sich daran nie etwas geändert. Es war zum Verzweifeln."
Herbert Manhart am 4. Juli 2016
Peggy war 2 Tage zuvor gefunden worden

Jedoch führt keine der Spuren die Ermittler weiter an eine Lösung des Falles heran. Das Mädchen bleibt verschwunden und mit jeder abgearbeiteten Spur gehen die Ansätze zur Neige, anhand derer weitere Ermittlungen stattfinden konnten.
So wurde dann auch im Januar 2001 die SoKo I von den verbliebenen 11 Beamten auf nur noch 6 reduziert.








Donnerstag, 11. Juni 2020

Henri-Marteau-Platz, Lichtenberg, Oberfranken


https://geoportal.bayern.de/





Der Henri-Marteau-Platz im oberfränkischen Lichtenberg spielt im Fall Peggy eine zentrale Rolle.

Er ist das Nadelöhr, das die Verbindung zwischen Außenwelt und Altstadt darstellt. An ihm müssen Fußgänger vorbei, die vom Bus oder von ihrer Schicht in einem der Betriebe zum Marktplatz oder ihren Wohnungen gehen. Touristen überqueren mit dem Auto den Platz, wenn sie hoch zur Burg fahren.
Man sieht schon: ein ruhiger Platz ist er nicht, der Henri-Marteau-Platz. Vielmehr eine zentrale Stelle in Lichtenberg, die am 7. Mai 2001 von mehreren Protagonisten im Fall Peggy frequentiert wurde.

Vermutlich hätte eine Webcam am Henri-Marteau-Platz wertvolle Informationen aufgenommen. So aber verbleiben die wenigen Zeugenaussagen.


 ca. 7:35 Uhr  
Peggy überquert den Platz, um zur Schule zu gehen; wahrscheinlich ist sie alleine

 ca. 12:55 Uhr  
Ulvi K. sitzt auf der Bank an der Raiffeisenbank; nach eigenen Angaben wartet er auf Peggy, um sich bei ihr für eine Tage zuvor versuchte Vergewaltigung zu entschuldigen. Elke S. sieht ihn beim Überqueren des Platzes.

 ca. 13:10 Uhr  
Manuel S. schlendert vom oberen Marktplatz in Richtung Henri-Marteau-Platz. Kurz davor liegt sein eigenes unbewohntes Haus, das er gerade alleine renoviert. Ob Manuel S. zu dieser Zeit sein Haus betritt oder über den Platz in Richtung seines Elternhauses geht ist nicht bekannt. Es ist sein Geburtstag und im Elternhaus wartet eine Geburtstagskaffeerunde auf ihn.

 ca. 13:10 Uhr 
Auch bei der Rückkehr sieht Elke S. Ulvi K. auf der Bank sitzen. Zu diesem Zeitpunkt wird er bereits bei einem Bekannten erwartet, dem er bei Holzschichten helfen soll.

 ca. 13:24 Uhr 
Der Schulbus aus Naila kommt am Henri-Marteau-Platz vorbei. Eine ehemalige Klassenkameradin sieht Peggy in Höhe der Raiffeisenbank am Henri-Marteau-Platz. Dies ist laut Polizei die letzte verlässliche Sichtung von Peggy.

 ca. 17:00 Uhr 
Der sechsjährige Spielkamerad Peggys, Florian L., ruft von der Telefonzelle aus zweimal den Notruf in Naila an. Später wird er angeben, das sei nur ein Spaß gewesen. Wahrscheinlich benutzte er die Telefonzelle am Fischershaus, direkt schräg gegenüber dem Henri-Marteau-Platz.

Montag, 1. Juni 2020

Der erste Monat nach Peggys Verschwinden


In einem der vorigen Beiträge wurde schon erwähnt, wie umfangreich die Suchmaßnahmen der Polizei im Fall Peggy waren. Wagen wir jetzt einen Zeitsprung um 19 Jahre zurück. Was war der Stand der Ermittlungen gut einen Monat nachdem Peggy Knobloch nicht mehr von der Schule nach Hause kam?

In den ersten Tagen durchkämmten Hundertschaften und Freiwillige zunächst den Ort, dann markante Stellen der Umgebung. Gewässer werden von Tauchern des DLRGs ebenso untersucht wie Höhlen, Abrisshäuser, Baustellen, Waldstücke.

Mit jeder Stunde schwindet die Wahrscheinlichkeit, dass das Mädchen alleine verunglückt ist. Infolgedessen wird am Mittwoch, den 9. Mai 2001 ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet.


Tags darauf, am Donnerstag, den 10. Mai 2001 meldet ein Zeuge den Fund einer Mädchenleiche. Trotz zeitnaher Untersuchung der gemeldeten Wegstelle kann die Polizei keine Spur der Leiche finden. Auch mitgeführte Polizeihunde schlagen nicht an.
Ungefähr zu dieser Zeit werden die Journalisten in Lichtenberg zur Belastung. Ortsansässige Personen werden mit Fragen bestürmt und verlassen nur noch ungern das Haus.
Zwei Schulkameraden Peggys machen eine erstaunliche Aussage: sie wollen das Mädchen gesehen haben, wie es vor der Bäckerei zusammen mit einem anderen Mädchen in einen roten Mercedes eingestiegen, weggefahren, später dann wieder ausgestiegen sei. Diese Spur bringt die Ermittler nicht weiter, auch weil zwei weitere anwesende Jungs diese Beobachtung nicht bestätigen können und weil die Kinderzeugen ihre Aussage später zurückziehen.

Am Freitag, den 11. Mai 2001 wird eine Belohnung von zunächst 10 000 DM ausgesetzt. Frau Knobloch ruft öffentlich den Täter dazu auf, ihr ihr Kind wiederzubringen.
Noch am Wochenende wird die Belohnung aufgestockt auf 15 000 DM und die Suchtrupps werden aus Lichtenberg abgezogen.

Eine Woche nach dem Verschwinden überfliegen Tornados der Bundeswehr das Gebiet, um mittels Wärmebildaufnahmen das Mädchen vielleicht zu finden.
Privates Suchplakat



"Mit Bericht vom 9. Mai 2001, eingegangen im Staatsministerium der Justiz am selben Tag, berichtete die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg über die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen unbekannt wegen des Verdachts des Menschenraubes zum Nachteil des am 7. Mai 2001 als vermisst gemeldeten Kindes Peggy. Im weiteren Folgenbericht der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg vom 11. Oktober 2001 wird der Name Ulvi K. erstmals erwähnt."


Nachdem nun ein Unfallgeschehen ausgeschlossen wird und die Überprüfung der Angehörigen sowie der ersten Hinweise keine Ergebnisse gebracht hatten, startet am Dienstag, den 15. Mai 2001 eine Überprüfung aller registrierten Sexualstraftäter der Umgebung.

Nach der Aufstockung der Soko vom 17. Mai 2001 beschäftigen sich 60 Beamte mit dem Verschwinden des Kindes. Es werden auch Spezialisten aus anderen Gegenden Bayerns hinzugezogen, so zum Beispiel das "Kommissariat für operative Fallanalysen" in München.

Bereits zwei Wochen nach dem Verschwinden gesteht Ulvi K. erstmals, das Mädchen wenige Tage vor dessen Verschwinden massiv sexuell missbraucht zu haben. Gleichzeitig kommen aus der Familie Hinweise, dass das Mädchen sich in einer Art verändert hatte, die auf Sexuellen Missbrauch hindeuten könnte. Dazu zählte Traurigkeit, Zurückziehen, übersteigertes Schamgefühl, Wegwerfen von Kleidungsstücken.

Gegen Ende Mai taucht ein Hellseher auf, der helfen mag, es aber nicht kann. Eine anonyme Email aus einem türkischen Internetcafè erweist sich ebenfalls als Sackgasse. Mittlerweilse schliessen die Ermittler einen Unglücksfall aus und stocken die Soko nochmal auf 75 Mitglieder auf.

"Eine E-Mail aus der Türkei besagte, dass Peggy über Russland in die Türkei eingereist sei und Peggys Stiefvater davon wisse. Demnach werde Peggy in der Nähe einer Kirchenruine in der Nord-Türkei festgehalten. Bei der Überprüfung im Juli 2001 hat es nach Angaben Behrendts jedoch Abstimmungsschwierigkeiten mit der türkischen Polizei gegeben.
Als deutsche Beamten die bezeichnete Stelle im April 2002 untersuchten, habe sich keine Spur des Mädchens gefunden."
Oberpfalznetz, 26. November 2003




Ein ausführlicher Sachstandsbericht vom 29. Mai 2001 fasst den Ermittlungsstand zusammen:
"SOKO "Peggy" - Unterstützung von anderen Polizeipräsidien.

Mit Stand Dienstag 29.05.01 sind bei der SOKO "Peggy" mittlerweile über 950 Hinweise eingegangen. Aufwendig gestaltet sich die Abarbeitung der derzeit 170 Hinweise aus den Kreisen von Wahrsagern, Pendlern, Muschelwerfern und Astrologen. Immer wieder bekommt die SOKO Örtlichkeiten aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland genannt, an denen sich Peggy befinden soll. Übereinstimmungen von Lokalitäten sind nicht feststellbar. Trotzdem nimmt die SOKO auch diese Hinweise ernst. Die Örtlichkeiten werden durch die Ermittlungsteams der SOKO oder beauftragte Kollegen aus anderen Bundesländern bzw. Kollegen aus dem Ausland überprüft.

Derzeit liegen immer noch keine konkreten Hinweise vor, die das spurlose Verschwinden der Peggy erklären. Auch der Hinweis auf den roten Pkw, vermutlich zweitüriger Mercedes mit angeblich tschechischem Kennzeichen ist nach wie vor eine vage Spur. Ein Unglücksfall im näheren Bereich von Lichtenberg wird aber aufgrund der intensiven Suchmaßnahmen ausgeschlossen. Bislang sind auch noch nicht der auffällige rote Schulranzen und sonstige Kleidungsstücke von Peggy aufgefunden worden.

Nach wie vor läuft bei der SOKO intensive Kopfarbeit. Es gilt, die diversen Hinweise zu bewerten, evtl. Spuren herauszuarbeiten und entsprechende Arbeitsaufträge an die SOKO-Mitglieder zu verteilen. Eine Vielzahl von zeitintensiven Vernehmungen sind zu fertigen. Ständig müssen Vernehmungen gegengelesen werden, um Widersprüche festzustellen und dadurch letztendlich einen erneuten Ansatz für die Ermittlungen zu gewinnen. Auch die Überprüfung der vielen Örtlichkeiten gestaltet sich oft personal- und zeitaufwendig. Ferner finden auch immer wieder kriminaltechnische Untersuchungen von sichergestellten Kleidungsstücken beim Bayerischen Landeskriminalamt statt. So wurde zum Beispiel bei einer in Bad Steben aufgefundenen Stumpfhose DNA-Material gesichert und mit dem von Peggy verglichen. Das Material stimmte nicht überein.

Zur schnellen, kompetenten Abarbeitung der zahlreichen Hinweise und Ermittlungsaufträge wurde die SOKO nochmals um 15 Kollegen aus den Präsidien Niederbayern/Oberpfalz, Mittelfranken und Unterfranken aufgestockt.

Ein Lob muss an die Bevölkerung ausgesprochen werden, die sich im Fall Peggy äußerst solidarisch zeigt. So bekommt die SOKO Peggy täglich motivierende Schreiben und E-Mails aus der ganzen Welt auf den Tisch. Auch private Personen beteiligen sich an der Suche nach Peggy mit der Einstellung von Vermisstenplakaten im Internet und der Weiterleitung von Sammel-E-Mails.

Das BLKA hat eine Belohnung von 50.000 DM ausgesetzt für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat oder zur Ergreifung des Täter führen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Belohnung ist für Privatpersonen und nicht für Beamte, deren Berufspflicht die Verfolgung strafbarer Handlungen ist, bestimmt.

Zusätzlich hat die Frankenpost Hof einen Betrag von 5.000 DM ausgelobt. "





Es ist wie verhext. Mehrere hundert Hinweise führen zu nichts.
Das Mädchen ist wie vom Erdboden verschluckt.
Keiner scheint etwas relevantes beobachtet zu haben, die Ermittler arbeiten jede Spur penibel ab, stehen aber mit leeren Händen da.

Die Mutter von Peggy geht durch die Hölle. Selbst heute noch.
Die, die etwas wissen, schweigen noch immer.

Sonntag, 17. Mai 2020

Ermittlungsstand 2020

Nach dem Skelettfund 2016 hatten die Ermittler erstmals die Chance, forensische Beweise auszuwerten.

Die offiziell zugänglichen Informationen zum Fall sind die folgenden:


.
  • es gibt einen Tatverdächtigen. Der damals 24jährige Manuel S. hatte zunächst gestanden, den leblosen Körper des Mädchens zu Mittag des 7. Mai 2001 im Ortskern von .Lichtenberg von einem namentlich benannten Mann übernommen und später versteckt zu haben
  • der Tatverdächtige war schon 2001 in den Ermittlungen aufgetaucht, als er unter Alkoholeinfluss sich selbst beschuldigt hatte, die Leiche vergraben zu haben; allerdings wurden die Ermittlungen gegen ihn 2002 eingestellt
  • am Leichenfundort konnten Spuren gesichert werden, die als Indizien gegen ihn gewertet werden können:
  • Renovierungsmüll (Manuel S. hatte damals in Eigenregie ein Haus im Lichtenberger Ortskern renoviert)
  • Torfspuren/Pollen (Manuel S. hatte am 7. Mai 2001 zusammen mit seiner Mutter Blumen umgesetzt, so dass hier Blumenerde als verbindender Faktor gelten könnte)
  • Manuel S. konnte eine Lüge nachgewiesen werden, was seinen Aufenthalt und seine Aktivitäten im tatkritischen Zeitfenster angeht
Quelle: Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Bayreuth und des Polizeipräsidiums Oberfranken vom 13.9.2018


"Er war entgegen seiner bisherigen Angaben am Nachmittag des 7. Mai 2001 mit seinem Fahrzeug in Lichtenberg unterwegs. Die Ermittler konnten den goldfarbenen Audi 80 mittlerweile trotz der langen Zeit ausfindig machen und kriminaltechnisch untersuchen."
Quelle: Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Bayreuth und des Polizeipräsidiums Oberfranken vom 21.9.2018


Ein kurz vor Weihnachten 2018 erlassener Haftbefehl gegen Manuel S. musste nach einer Beschwerde der Verteidigung zu Heiligabend aufgehoben werden.
Seither gibt es keine bekanntgewordenen Ermittlungsergebnisse.

Für die nächsten Wochen wurde ein Abschluß der Ermittlungen angekündigt.
Ob das das vorläufige ergebnislose Ende des Falles bedeutet oder den Anfang einer weiteren juristischen Aufarbeitung ist völlig offen.

Mittwoch, 13. Mai 2020

Wer denkt an das Opfer?

Vielleicht muss man in die Vergangenheit blicken, um Erklärungen zu finden.Bereits in den 80er Jahren hatte es in Lichtenberg missbräuchliche Vorfälle gegeben. Damals hatte der evangelische Priester Schulze mehrere Jugendliche missbraucht. Die Missbrauchsserie wurde indes nicht öffentlich aufgearbeitet. Laut dem Münchner Abendblatt schwiegen die Eltern aus Scham. Damals wurden die Lichtenberger aktiv durch den Missbrauchstäter gespaltet, er schloss Jugendliche aus, verbreitete Gerüchte und sorgte dafür, dass Freundschaften zerbrachen. Die Schäden an den Opfern und in der Bevölkerung eines kleinen Ortes können Jahrzehnte lang nachwirken.

Mitte der 90er begann eine weitere Missbrauchsserie mit vielen Opfern, die lange nicht ernstgenommen oder auch aus Scham verschwiegen wurde. Erst mit dem Verschwinden von Peggy Knobloch kamen nach und nach immer mehr Fälle ans Tageslicht, nachdem das Ganze schon mindestens 6 Jahre lang lief und als harmlos abgetan worden war.

"Es liegt ein Deckmantel über dem Dorf, kann man fast sagen. Viele Leute haben das einfach nicht angezeigt, das Verhalten von Ulvi. Ihnen wurde erst durch die Ermittlungen um Peggy die Augen geöffnet und der ein oder andere hat sich dann doch an die Polizei gewandt und hat das gemeldet."
"Also eine Dunkelziffer existiert mit Sicherheit. Also wir schätzen, dass bestimmt 50 Fälle nicht angezeigt worden sind."

Klaus Bernhardt, Sprecher Polizeidirektion Hof
Quelle: SWR, Report aus Mainz, 9. Dezember 2002




Wie "die Lichtenberger" über den Fall denken erfährt die Öffentlichkeit von Anfang an. Allerdings ist es ein diffuses Bild, das sich aus den Berichten ergibt. Die lauteste Farbgebung wird am besten wiedergegeben durch die Repräsentanten von Lichtenberg, die über die Jahre hinweg gerne gesehene Interviewpartner waren.
Hier unsere kleine Sammlung an öffentlichen Statements der Bürgermeister von Lichtenberg zum Fall von Peggy:

Bürgermeister Dieter Köhler
(Amtszeit bis 2004)
„Der Super-GAU wäre es, wenn tatsächlich ein Lichtenberger Peggy umgebracht hätte”
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2002

"Die Hoffnung hat lange gedauert, dass die Peggy nochmal auftaucht. Nachdem das nicht der Fall ist und nachdem die Zeit vergeht, geht das Leben auch weiter. Die Stadt Lichtenberg kann jetzt nicht jahrzehntelang oder die Lichtenberger mit Sack und Asche mit Sack und Asche rumlaufen und immer nur an das verschwundene Mädchen denken( ...) Vom Gefühl her bin ich immer noch der Meinung, dass der Ulvi das gar nicht gewesen sein kann. (...) Es gab sicher Fälle, wo der Ulvi sich entblößt hat. Das war bekannt. Bei den meisten Fällen werden die anderen drüber gelacht haben, die andern Kinder, so zwölf-/dreizehn-jährige Jungen. ... Also Entblößer gab's immer und die werden -soviel ich wei, ich bin ja kein Fachmann- aber die werden wahrscheinlich in den seltensten Fällen dann zu Mördern."
Quelle: SWR, Report aus Mainz, 9. Dezember 2002
Bürgermeister Hans Denzler
(Amtszeit 2004 - 2005)
"Große Teile der Bevölkerung sind der Meinung, dass es der Ulvi nicht gewesen ist"
Quelle: Spiegel, 26. März 2005
Bürgermeisterin Elke Beyer
(Amtszeit 2005 - 2014)
„Wir stellen nach wie vor infrage, dass Ulvi K. wirklich der Täter ist“
Quelle: Nürnberger Zeitung, 6. Mai 2011
Bürgermeister Holger Knüppel
(Amtszeit 2014 - 2020)
„Immer wieder wenn neue Ergebnisse waren schlug natürlich auch die Presse wieder auf und in dem Moment hat's die Bürger natürlich aus dem Alltag gerissen und wieder mitgenommen. Und das war natürlich wieder so n Moment wo der Friedhof auf den Kopf gestellt wurde, wo man gesagt hat, das Kind ist da mit irgendjemand anders beerigt worden. Da gings wieder von vorne los. Und das waren immer so Wellen, die die Lichtenberger aushalten mussten.“
Quelle: mdr, Die Spur der Täter, 27. März 2019
Viele verharmlosenden Aussagen über die Missbräuche und klare Zweifel am widerrufenen Mordgeständnis. 2017 folgte sogar eine Unterschriftenaktion einiger Lichtenberger Bürger, darunter Gemeinderäte und Bürgermeister, gegen negative Schlagzeilen über Lichtenberg und gegen angebliche Ermittlungsfehler der Behörden. Man fühlte sich desinformiert und falsch dargestellt. Die 'Gegenseite' hingegen berichtet von einer Mauer des Schweigens, von wenig Hilfsbereitschaft und Kooperation. Zwei Missbrauchsserien, ein Mord an einem neunjährigen Mädchen und beide einschneidenden Phasen finden keinen Eingang in die Ortschronik von Lichtenberg. Vielleicht ist das nur konsequent. Vielleicht aber auch der Wunsch nach Vergessen.

Eine Frage aber bleibt:
Wer denkt an das Mädchen?

Montag, 11. Mai 2020

Peggy Knobloch



1998 zog die kleine Familie um Mutter Susanne, deren Lebensgefährten Erhan Ü., Schwester Jasmin und Peggy nach Lichtenberg.
Die neunjährige Peggy war nachmittags oft zum Spielen bei Freunden oder im Ortskern unterwegs. Sie machte mitunter ihre Hausaufgaben zusammen mit Freunden in einem Gasthof. Der Bewegungsradius war groß, zusammen mit ihren Freunden war sie am See oder am Burgberg, spielte im Ortskern. Seit ihre Mutter eine Arbeitsstelle angetreten hatte war Peggy ab und an nachmittags alleine, es waren aber immer Vertrauenspersonen verfügbar. Zwischen diesen, Peggy und ihrere Mutter hatten sich einige "Rituale" etabliert: Nach der Schule kehrte das Mädchen direkt heim, um dort ihre Schulkleidung gegen unempfindlichere Kleidung zum Spielen draußen zu tauschen. Peggy aß das bereitgestellte Mittagessen auf und schaute fern.
Wenn sie wieder weg ging, nahm sie normalerweise ihren silbernen Roller mit.



Peggy Knobloch
(Quelle: http://ulvi-kulac.de/assets/images/)



Links: Wohnhaus von Peggy
(Quelle: Focus "Wende im Fall Peggy", 22.9.2018)
Peggy besuchte die Grundschule in Lichtenberg. Die ca. 600m bis zum Blauen Haus am Marktplatz, in dem die Familie lebte, legte sie jeden Tag zu Fuß zurück.